Schwangerschaft & Geburt Sicherheit

Schwangerschaft und Beckenboden - Das solltest du wissen

01. September 2021|6 Min. Lesezeit

Gastbeitrag von Hebamme und Fitnesstrainerin Ivonne Teufl

Du hast bestimmt bereits viel vom „Beckenboden“ gehört. „Fang früh genug an deine Beckenbodenübungen zu machen“ oder „Mach es ja nicht wie ich und verzichte auf den Rückbildungskurs“ hört man dann sehr oft.

Toll, dass du dir gerade Zeit nimmst und dich mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzt! Ich erläutere dir hier, wofür der Beckenboden zuständig ist, welche Bedeutung ein Training in der Schwangerschaft hat und wie die ideale Rückbildung nach einer Geburt aussehen sollte.

Ivonne Teufl, Hebamme und Fitnesstrainerin

Hallo, ich bin Hebamme, dipl. Fitness,- und Pilatestrainerin und Mutter von 2 Kindern. Mein Motto: „Hebamme zu werden ist kein Beruf sondern eine Berufung.“

Eine Schwangerschaft kommt 9 Monate und geht 9 Monate. (Hebammenweisheit)

Was ist überhaupt der Beckenboden?

Anatomie des Beckenboden in Kurzfassung

Als Beckenboden bezeichnet man den aus Muskeln und Bindegewebe bestehenden schalenförmigen Abschluss des knöchernen Beckens nach unten.

Die tiefste innerste Muskelschicht (Diaphragma pelvis)

schließt das Becken nach unten hin ab, ist eine bedeutsame Muskelschicht als Stütze der inneren Organe. Wenn diese Muskulatur stark ist, bewirkt sie, dass der Rücken seine Physiologische Form einnimmt.

Die mittlere Schicht (Diaphragma urogenitale)

besteht aus einer zwischen Scham- und Sitzbeinhöckern gelegenen Muskelplatte. Sie hat eine bedeutende Rolle beim Blasenverschluss. Dieser Muskel ist bei Frauen nur halb so stark ausgebildet wie bei Männern und ist noch zusätzlich durch die Vagina unterbrochen. Diese Schicht vollbringt in der Schwangerschaft eine Meisterleistung. Erst trägt sie 9 Monate die Gebärmutter inklusive aller Extrakilos und zur Geburt dehnt sie sich (mit Hilfe des Hormones Relaxin) um die Geburt des Kindes zu ermöglichen.

Die letzte Schicht (Sphinkterenschicht)

verläuft bei Frauen wie eine liegende Acht vom Schambein zum Steißbein und spielt eine bedeutende Rolle beim Verschließen von Anus und Blase.

Hormone, die auf den Beckenboden wirken

Östrogene und Progesteron steigen in ihrer Konzentration im Blut an und sorgen dafür, dass der monatliche Zyklus gehemmt wird, Gebärmutterschleimhaut aufgebaut, die Gebärmuttermuskulatur weich wird und die Durchblutung angekurbelt wird. Dies sind nur ein paar ihrer Aufgaben.

Relaxin wird dann im letzten Trimenon (letztes Drittel der Schwangerschaft) vermehrt produziert und entspannt dann (wie der Name schon vermuten lässt) noch zusätzlich Gewebe und Muskulatur. (Vorbereitung auf die Geburt- alles soll weich und weit werden).

Dies bedeutet: Alles arbeitet im Körper darauf hin, die Muskulatur weich zu machen (ja auch die des Beckenbodens) und das ist gut so!

Wir können uns also den Begriff: „Beckenbodentraining“ sparen. Ich nenne es vielmehr: „sensibilisieren“ , „wahrnehmen“ und richtig „an/entspannen“.

Das Wichtigste für deine bevorstehende Geburt ist nämlich in erster Linie, dass du deinen Beckenboden entspannen – also loslassen kannst. Gezielte Kurse wie „Pilates für Schwangere“ und auch “Yoga in der Schwangerschaft“ können dich dabei unterstützen und tun dem Körper gut.

Solltest du bereits in der Schwangerschaft unter Harnverlust beim Husten oder Niesen leiden, empfehle ich dir eine Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Beckenboden aufzusuchen und dir gezielt Übungen zeigen zu lassen. Hier ist ein gezieltes Training sinnvoll.

Absolut abzuraten ist von einem verkrampften Training ohne Anleitung oder gar noch einem Training mit Konen (Liebeskugeln). Liebeskugeln werden als Trainingsgerät von Fachpersonen nicht empfohlen, da sie einen dauerhaften „Anspannungs,- Krampfzustand“ bewirken. Die ursprüngliche Funktion des Beckenbodens beruht aber auf dem Wechselprinzip -also anspannen und wieder loslassen. Die bewusste Entspannung muss ebenso funktionieren als die Anspannung. Das Training sollte nach diesem Prinzip aufgebaut sein.

Wie du das richtig machst, kannst du dir in diesem Video anschauen:

 

Combined Shape

Beckenboden nach der Geburt – wann du mit dem Beckenbodentraining starten kannst

In den ersten 8 Wochen nach deiner Geburt (egal ob vaginal oder mittels Kaiserschnitt) passiert folgendes in deinem Körper:

 

  • Wundheilung in der Gebärmutter und evtl. Dammnaht oder Kaiserschnittnarbe
  • Milchbildung (kostet dem Körper sehr viel Energie und Nährstoffe)
  • Hormonelle Umstellung
  • Rückbildung schwangerschaftsbedingter Veränderungen

 

In dieser Zeit ist dein Körper maximal gefordert und du solltest ihm Ruhe und warmes Essen gönnen. Versuche die Abstände der Blasenentleerung wieder hinauszuzögern (gilt erst wenn du wieder zu Hause bist) und wenn du möchtest, kannst du die sanften Übungen aus dem Video s.o. bereits wieder anwenden.

Hebamme Ivonne

Tipp der Hebamme Ivonne

Melde dich ehestmöglich bei einem Rückbildungskurs an. Du darfst 6 Wochen nach einer spontanen Geburt und 10 Wochen nach einem Kaiserschnitt damit starten. Ich empfehle dir einen Kurs, ohne dein Baby durchzuführen damit du dich 50 min NUR auf deinen Körper konzentrieren kannst. Die Gefahr, dass du vom Baby abgelenkt wirst, ist sehr hoch und die Wirksamkeit des Trainings leidet darunter.

Solltest du keinen Platz bekommen, kannst du dich gerne zu meinem online Kurs anmelden.

Mit einem Kurs ist es meistens nicht getan, daher empfehle ich dir im ersten Jahr nach der Geburt gezielt den Beckenboden immer wieder im Rahmen eines Muskelaufbautrainings (vorerst ohne Zusatzgewicht) immer wieder einzubauen. Pilates eignet sich zum Beispiel hervorragend.

Solltest du Beschwerden haben oder unsicher sein, wende dich an deinen Gynäkologen oder deine Hebamme. Sie können dir bestimmt Fachpersonen weiterempfehlen.

Hör auf deinen Körper, gib ihm Zeit, vergleiche dich nicht. Tu dir Gutes, lass dich verwöhnen und sorge gut für dich.

 

Alles Liebe,

Eure Ivonne

Über Ivonne Teufl

Ivonne Teufl ist Hebamme seit dem Jahr 2012 und betreut Familien sowohl im Krankenhaus (Privatklinik Wehrle-Diakonissen Salzburg) als auch in der freien Praxis. Vor ihrem Studium zur Hebamme an der FH Salzburg hat sie als Fitness,- und Pilatestrainerin gearbeitet und viele Erfahrungen im Fitnesssektor gesammelt.

Dies ist auch der Grund für ihre Qualifikation und den Fokus auf Sport und Bewegung In und nach der Schwangerschaft. Auf das korrekte Training nach einer Geburt legt Ivonne großen Wert. Auch in Ernährungsthemen hat sie sich vertieft und bietet euch gerne Beratungen zu sinnvoller Nahrungsergänzung und gesunder Ernährung.

Die 2 jährige Ausbildung zur TCM – Therapeutin in der Frauenheilkunde absolvierte sie 2013 und arbeitet seither erfolgreich mit diesem zusätzlichen „Handwerk“ als Ergänzung zur europäischen Schulmedizin.

Mit ihren 2 Söhnen Clemens (9Jahre) und Felix (3 Jahre) kann sie hinsichtlich der Geburt auch aus eigener Erfahrung berichten und Eltern empathisch begleiten.

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